Reiseberichte


  Tschechien

"Strč prst skrz krk"

01. August – 19. August 2007   ||   Tschechien


Bye-bye Deutschland... 

Die letzte Nacht in Deutschland hatten wir ja in dem kleinen Ort Krippen in der Saechsischen Schweiz verbracht: direkt am Elbufer und - wie schon haeufiger - auf einem Fussballplatz. Das allmorgendliche Verpacken unserer sieben Sachen erfolgt mittlerweile wie im Schlaf: Schlafsaecke einrollen, Zelt abbauen, alles in die Satteltaschen stopfen. Nur heute galt es zusaetzlich, unsere Reisepaesse aus den Tiefen unserer Taschen zu fischen.

Mit gezueckten Papieren radelten wir die letzten Kilometer Richtung Tschechien. Doch statt Grenzformalitaeten erwartete uns auf dem Radweg lediglich ein enttaeuschend unspektakulaeres Schild "Ceska republika". So kamen wir quasi heimlich durch die Hintertuer ins erste (Aus-)Land unserer grossen Reise. Nun ist das fuer uns ja nicht irgendein Grenzuebertritt, denn wenn alles gut geht, betreten wir fuer ziemlich lange Zeit keinen deutschen Boden mehr. Und so dachten wir nochmal an das, was wir uns da eingebrockt und nun auszuloeffeln hatten - doch zurueck wollten wir natuerlich nicht. Bis die ersten Berge kamen. Aber dazu spaeter mehr.

... auf nach Tschechien. Tschechien? Bloss nicht!

Wir hatten unterwegs schon mehrere Radler und Camper getroffen, die nur von schlechten Erfahungen in Tschechien berichteten: Die Tschechen seien sehr unfreundlich, die Versorgung schwierig, da es nur wenige Orte an der Strecke gaebe, in denen man Wasser besorgen koenne und es sei fast unmoeglich, mit den Tschechen zu kommunizieren, da sie zwar eigentlich fast alle deutsch koennten (zumindest die aelteren haben es ja in der Schule gelernt), sich aber weigerten, mit einem deutsch zu reden. Na, das klang ja sehr einladend... Wir beschlossen trotzdem, unser Glueck zu versuchen und lieber unsere eigenen Erfahrungen zu machen. Wie gut!! Da wir unseren "Kauderwelsch"-Sprachfuehrer dabei hatten, lernten wir zumindest mal "Guten Tag" und "Danke", was ja nie schadet und radelten munter drauf los. Die erste Nacht in Tschechien verbrachten wir auf einem Spielplatz, und bis dahin hatten wir so gut wie keinen Kontakt zur einheimischen Bevoelkerung, da wir auf dem Elberadweg unterwegs waren und nur wenigen Leuten begegnet waren.

Das sollte sich bereits am zweiten Tag aendern. Zuerst fuellten wir unsere Lebensmittelvorraete im Supermarkt auf, was relativ einfach war. Doch irgendwann neigte sich der Tag dem Ende entgegen, und wir suchten nach einem Schlafplatz, was sich etwas schwieriger gestaltete. Wir fanden schliesslich einen Gruenstreifen direkt an der Elbe und stiegen ab, um eine ebene Stelle fuer unser Zelt zu orten. Waehrend wir noch umherstapften, kamen zwei aeltere Damen zu uns, denen wir vorher noch brav unser "Dobri den" ("Guten Tag") entgegengeschmettert hatten. Trotz unseres zugegeben doch etwas beschraenkten Wortschatzes gelang es ihnen, uns klarzumachen, dass der von uns auserkorene Schlafplatz kein guter Ort zum Zelten sei, da sich dort nachts zwielichtige Gestalten herumtreiben wuerden. Ihrem Wortschwall - vielmehr: den begleitenden Gesten - entnahmen wir, dass wir den Beiden auf ihr Grundstueck folgen sollten, wo wir obendrein vom eilig herbeigerufenen Nachbarn in bestem Deutsch willkommen geheissen und mit reichlich Gurken und Tomaten aus eigener Ernte versorgt wurden.

Zelt and Breakfast



Als wir am naechsten Morgen aus unseren Schlafsaecken krochen, stand bereits das Fruehstueck vor dem Zelt. Oha! Nach den Warnungen vor den angeblich so unfreundlichen Tschechen waren wir nun doch sehr ueberrascht und genossen Tee und Krapfen umso mehr. Zu guter Letzt bekamen wir auch noch unsere Wasservorraete aufgefuellt, und nachdem wir mehrfach versichert hatten, dass es uns sonst an nichts mangelte sowie nach einem Abschiedsfoto, machten wir uns frisch gestaerkt auf den Weg, der uns selbstverstaendlich noch einmal genauestens (auf Tschechisch...) erklaert wurde.





Dies sollte unser letzter Tag an der Elbe werden, der wir ueber 700 km stromaufwaerts gefolgt waren. Vorerst ging es noch einigermassen flach am Ufer der Elbe entlang bis nach Melnik, wo sich vom Kirchberg aus ein wunderschoener Blick auf den Zusammenfluss von Moldau, Moldaukanal und Elbe bietet.

  

Flusswechsel: von nun an war die Moldau unser staendiger Begleiter. Um diese neue Bekanntschaft ausgiebig geniessen zu koennen, schlugen wir unser Zelt gleich für einige Tage an ihren Ufern auf: auf einem Campingplatz bei Veltrusy, 30 Kilometer noerdlich von Prag. Wir genossen die Vorzuege eines Campingplatzes, allen voran die Kueche und die Sanitaeranlagen und hatten tatsaechlich fuer ein paar Tage Sonne pur, so dass wir in Ruhe Angler, Reiher, und vorbeiziehende Schiffe beobachten konnten.

 

Wie auf fast jedem Campingplatz dieser Welt waren wir natuerlich von Wohnwagen mit verdaechtig Gouda-gelben Nummernschildern umzingelt: die Hollaender haben auch Tschechien für sich entdeckt. Abends entbrannte (im wahrsten Sinne des Wortes) ein leidenschaftlich ausgefochtener Wettkampf um das groesste Lagerfeuer, und so sah man ab dem spaeten Nachmittag eine Familie nach der anderen ihre Kinder in den Wald schicken, um Feuerholz zu sammeln. Als der irgendwann nicht mehr genuegend hergab um die Nachbarn auszustechen, wurden schon frueh morgens kleine Autotouren in die benachbarten Wälder unternommen, um diese auszubeuten. Die so ergatterten Brennstoffvorraete wurden waehrend des gesamten Tages natuerlich strengstens bewacht, bevor sie abends ihrem eigentlichen Zweck zugeführt wurden. Fast nicht vorstellbar, dass in der Umgebung ueberhaupt noch irgendetwas Brennbares zu finden ist...

Ueber Stock und Stein nach Prag

Bevor man uns nun auch noch die Baenke unter dem Allerwertesten abmontieren konnte, machten wir uns lieber auf den Weg nach Prag, und zwar auf dem Moldauradweg. Dass dieser existiert und ausgeschildert ist, heisst allerdings nicht, dass er auch für voll bepackte Fahrraeder wie die unsrigen geeignet ist. Der Weg fuehrte direkt an der Moldau entlang, abseits von Autoverkehr und sonstigen Stoerenfrieden, was an sich begrüssenswert war. Er wurde jedoch zusehends enger und schrumpfte innerhalb kurzer Zeit auf einen fussbreiten Trampelpfad zusammen, rechts und links davon laestig dichtes Buschwerk. Das reichte nicht ganz fuer uns und unsere voll beladenen Drahtesel, die locker dreimal so breit sind, weshalb wir staendig mit unseren Packtaschen und Beinen durchs Gebuesch schleiften. Zusammen mit ueberall kreuz und quer ueber den Weg verlaufenden Baumwurzeln und jeder Menge grossen, spitzen Steinen brachten sie uns staendig ins Trudeln.

 

Aber das war noch der gute Abschnitt des Weges. Haarig wurde es erst, als die Buesche auf der rechten Seite fehlten und es direkt(!) neben uns 5 Meter senkrecht in die die Moldau ging. Haetten wir gewusst, dass wir uns erst am Anfang dieser chaotischen Strecke befanden und diese nicht wie vermutet fast hinter uns hatten, waeren wir sofort umgekehrt, aber so dachten wir: durchhalten, nur noch ein paar Meter, dann wird's wieder besser. Diese "nur noch ein paar Meter" zogen sich am Ende ueber 5 Kilometer hin, und teilweise wurde es sogar noch schlimmer: an einigen Stellen war der Weg seitlich weggebrochen und in die Moldau gerutscht, so dass man nur absteigen und schieben konnte. Schieben? Wie, wenn nicht genug Platz für Fahrrad und Fahrer nebeneinander ist? Genau wie bei einem Esel: einer zieht vorne, der andere schiebt von hinten. So schafften wir die Horrorstrecke schliesslich mit vereinten Kraeften.

Das Ganze hatte allerdings mit gut 2 Stunden erheblich laenger gedauert als geplant, und so kamen wir zu spaet zu unserer Verabredung mit Filip, bei dem wir in Prag wohnen wollten. Er wartete dennoch geduldig auf uns und begruesste uns mit den Worten: "Hi, ich bin Filip. Hier sind die Wohnungsschluessel. Das ist Euer Zimmer, hier ist das Bad und dort die Kueche. Hier habt Ihr 200 Kronen zum Einkaufen, falls Ihr kein Geld mehr habt. Ich muss jetzt los, wir sehen uns dann morgen!" Wir schleppten also all unser Hab und Gut in unser Zimmer, guckten uns noch ein wenig die Umgebung an (Filip wohnt in Gehweite zum Hradschin, der Prager Burg, also in einer netten Ecke, die man ohne Probleme zu Fuss erkunden kann) und fielen schließlich muede und kaputt in unsere Schlafsaecke. Morgens wurden wir mit der Frage "Ich gehe zum Baecker, soll ich Euch etwas mitbringen?" geweckt, die wir dankend bejahten. Beim anschliessenden gemeinsamen Fruehstueck gab es gleich die ersten Ausflugstipps von unserem Gastgeber.

Filip hatten wir erst wenige Tage zuvor per E-Mail und SMS kennengelernt, ueber eine Internetgemeinschaft namens Hospitality-Club. Ueber diese und aehnliche Organisationen (z.B, Warm Showers, s. erster Bericht) berichten wir ein anderes Mal noch ausfuehrlicher; zum Verstaendnis nur soviel: es handelt sich um ein Internetportal, bei dem man sich registrieren laesst und anderen Mitgliedern aus aller Welt Uebernachtungsmoeglichkeiten anbietet bzw. diese nutzen kann - und zwar in der Regel kostenlos.

  

   

  

Nach dem Fruehstueck begannen wir brav mit dem obligatorischen Touristenprogramm: Hradschin, Karlsbruecke, Wenzelsplatz, Rathaus mit astronomischer Uhr etc.. Der Vorteil des Hospitality-Clubs liegt aber auch darin, dass man in den Genuss von Insidertipps kommt, wie z.B. diesem "etwas anderen" Springbrunnen: in einem Becken stehen sich zwei nackte Maenner gegenüber. Das an sich ist ja noch nicht so aussergewoehnlich, aber man kann den Beiden eine SMS schicken, und kurz darauf pinkeln sie die Nachricht ins Wasser. Falls Ihr auch mal in der Naehe seid: der Brunnen befindet sich direkt vor dem Kafka-Museum, ganz in der Naehe der engsten Strasse der Welt, in der der Fußgaengerverkehr (für Autos wuerde der Platz nun wirklich nicht ausreichen) per Ampelschaltung geregelt werden muss, weil sie fuer mehr als eine Person zu schmal ist.

Ueber alle Berge

Von Prag aus ging es gen Sueden, und das bedeutet: unsere ersten Berge (naja, eigentlich wohl mehr Huegel, aber zumindest fuer Silke waren es definitiv Berge.) lagen vor uns. Das Ganze fing recht harmlos an: wir tankten an einer Bank im kleinen Ort Davle noch einmal Geld am Automaten, und Micha sagte mit einem Blick auf die Karte: "Wir muessen hier ueber die Bruecke, und dann geht es auf der anderen Seite weiter." O.k., also hoch strampeln Richtung Bruecke. Huch, die ist aber ganz schoen hoch. Und entgegen anderer Bruecken macht sie auch keinen Bogen und geht zum gegenueberliegenden Ufer wieder nach unten – nein, es geht einfach nur hoch! Naja, dann gehts sicher dahinter wieder runter. Nein, auch nicht. Na, dann nach der Kurve da. Nein, auch da ging es immer nur bergan. Und zwar den ganzen Tag. So schoen flach es an Elbe und Moldau war, hinter Prag sitzt ploetzlich jedes Dorf auf seinem eigenen Huegel. Eigentlich aeusserst huebsch anzuschauen – aber auf einer Radeltour mit 45 kg Gepaeck bei 30 Grad kann einem schon mal die Lust auf landschaftliche Schoenheiten abhanden kommen. Ausserdem war es genauso, wie man es sich nicht wuenscht: es ging meist nach einer Kurve, also quasi ohne Vorwarnung (und ohne Anlauf nehmen zu koennen) bergan und bergab hatte man entweder Bahnschranken, Kopfsteinpflaster, enge Kurven oder einmuendende Vorfahrtsstrassen vor sich, so dass an ein lockeres Hinabsausen auch nicht zu denken war. Mehr als gut 20 Kilometer waren an diesem Tag nicht drin, und abends fielen wir (eine mehr als der andere) voellig fertig in die Schlafsaecke und "freuten" uns schon auf die naechsten Tagesetappen...

Fuer die Statistik:

Trotzdem feierten wir am naechsten Tag, mittlerweile dem 15.08. den 1.000sten Kilometer, und so langsam gewoehnten wir uns beide an die huegelige Strecke und freuten uns ueber das fast touristenfreie Gebiet. Alleine auf der Karlsbruecke scheinen sich an einem sonnigen Tag mehr Touristen zu tummeln als im ganzen laendlichen Tschechien zusammen.

Weiter ging es in Richtung oesterreichische Grenze, die in immerhin ca. 1.000 Meter Hoehe liegt. Unterwegs sahen wir uns das kleine Staedtchen Cesky Krumlov an, das eine wunderschoene Altstadt besitzt und von Schloss und Burg dominiert wird. Der Ort liegt direkt an der Moldau, und wir genossen es, Eis schleckend am Flussufer zu sitzen und die vielen Kanufahrer, die sich mehr oder weniger geschickt durch einige kleine Stromschnellen lavierten, zu beobachten.

 

 

 

Zum Schlafen fand sich stets eine ruhige Wiese, auch wenn sich diese manchmal als gar nicht sooo ruhig entpuppten wie es anfangs den Anschein machte, zum Beispiel unser an einem vermeintlichen Ortsende am Rande einer Ferienhaussiedlung gelegenes Fleckchen Gruen: zuerst stellten wir ziemlich schnell fest, dass der Bach, der anscheinend allem Autoverkehr ein Ende bereitete, nur ein flaches Waesserchen war, durch das so mancher Autofahrer fahren musste, wenn er zu seinem dahintergelegenen Haus gelangen wollte. Dann drehte der Wind und wir lagen ploetzlich in der Einflugschneise des Prager Flughafens, und zu guter Letzt fuehrte auch noch eine recht stark befahrene Bahnlinie quasi durch unseren Garten, gut versteckt hinter einigen hohen Bueschen. Als wir morgens unser Zelt abbauten, kamen einige Spaziergaenger mit ihren Hunden vorbei, die uns freundlich gruessten und schliesslich bekamen wir auch noch Besuch von einem Nachbarn, der gleich in bestem Deutsch drauf los plapperte.


Tschechien? Gerne wieder!

Tja, zum Thema "die Tschechen sind total unfreundlich und selbst, wenn sie deutsch koennen, lassen sie einen zappeln" koennen wir nur sagen: da hatten die anderen wohl ausgesprochenes Pech... oder haetten es vielleicht einfach mal statt mit deutsch mit ein paar Brocken tschechisch versuchen sollen. Wie oft regt man sich über englisch sprachige Besucher auf, die wie selbstverstaendlich davon ausgehen, dass ihr Gegenueber englisch spricht und wieviel angenehmer empfindet man es, wenigstens mit einem simplen "Guten Tag" angesprochen zu werden. Wir sind also fast ausschliesslich auf super hilfsbereite Menschen gestossen, die uns nicht nur den Weg erklaeren sondern auch gleich zum Kaffee einladen wollten, wenn sie hoerten, dass wir aus Deutschland kommen. Und konnte mal jemand weder deutsch noch englisch, so wurde flugs ein weiterer Passant herbeigeholt und gemeinsam weiterdiskutiert. Wir haben die Tschechen jedenfalls als sehr nettes und hilfsbereites Voelkchen kennengelernt und unsere Zeit dort sehr genossen.

Trotzdem hiess es nun weiterradeln nach Oesterreich, wo wir in Linz und Wien jeweils ein paar Tage bleiben wollten. Also mal wieder: rauf auf den Berg - und ab nach Oesterreich!


Was machen Silke und Micha an einer Tankstelle???

  

Wollen sie endlich mal wieder Eis essen?? Finden Sie Plastikhandschuhe so schick oder wollen sie sich mit Frostschutzmittel fuer den Winter in den Karpaten eindecken?

  

Weit gefehlt! Tanken, natuerlich, was denn sonst?

Und zwar genau 0,6 Liter, mehr konnten wir uns nicht mehr leisten. O.k., mehr ging nun wirklich nicht mehr in unsere Benzinflasche, die, an unseren Kocher angeschlossen, dafuer sorgt, dass wir ab und zu auch mal eine warme Mahlzeit in den Magen bekommen.


 

"Zeigt her, Eure Fuesse, zeigt her Eure Schuh..." 

Hier steht mal wieder ein völlig unsinniger Satz, der nur dazu da ist, den Content-Bereich künstlich zu vergrößern, damit die Tabellen alles schön in die Mitte rücken können - so, ich denke, das sollte reichen.